FEHLPLANUNGEN: DIE ROLLE STALINS

 

 

 

Der Winterkrieg wurde für die Sowjetunion ein Desaster. Die Ursachen dafür sind in verschiedenen Planungsfehlern zu suchen, und für diese Planungsfehler ist weitgehendst Stalin verantwortlich.

 

 

Hat die sowjetische Aufklärung wirklich versagt?

 

 

Stalin tadelte die Arbeit der sowjetischen Aufklärung. Damit macht er es sich jedoch zu leicht. Bemerkenswert ist, was Chruschtschow in seinen Erinnerungen dazu sagte:

 

Chruschtschow führt aus, dass es nicht eine fehlerhafte Aufklärung gewesen war, die zum Desaster führte. Denn die sowjetische Aufklärung wusste sehr wohl Bescheid über Finnland: Sie wusste, wo die Artillerie platziert war; sie wusste generell über die finnische Verteidigung Bescheid, und es war ihnen auch klar gewesen, wo die Hauptverteidigungslinie der finnische Armee zu finden war. 

 

Und dann äussert Chruschtschow einen bemerkenswerten Satz:

 

'Das Problem war, dass kein Aufklärungsoffizier konsultiert wurde, bevor unser erster Schlag gegen Finnland erfolgte.'

 

 

 

Und Chruschtschow fährt fort:

 

'Wenn wir unsere Truppen in einer Art und Weise nach Finnland geschickt hätten, wie sich sogar ein Kind  nach einem Blick auf die Landkarte dies hätte ausmalen können, hätten sich die Dinge anders entwickelt.'

 

 

Wenn Stalin das Problem auf eine mangelnde Aufklärung zurückführt. macht er es sich tatsächlich zu leicht. Man muss die Ursachen für das Versagen anderswo suchen  - z. B. bei Stalin.

 

 

Stalin war gewarnt

 

Die Probleme im Winterkrieg tauchten nicht aus dem Nichts auf. Es gab Leute, die sie durchaus hatten kommen sehen: Der Oberbefehlshaber über die sowjetische Armee im Winterkrieg warnte denn auch Stalin davor, dass  ein langer und schwieriger Krieg bevorstehen würde.  Und in die gleiche Richtung gingen die Äusserungen eines hohen und erfahrenen Generals: Er prophezeite, der Krieg würde nicht in zwei oder drei Wochen, sondern erst in einigen Monaten beendet sein.

 

Stalin lachte den General aus.

 

Warum dies?

 

Das har verschiedene Gründe; einer von ihnen hat mit der militärischen Kompetenz  - oder besser: der militärischen Inkompetenz - von Stalin zu tun.

 

 

 

 

Stalin verstand nichts von militärischen Fragen

 

 

Stalin hatte keine Ahnung davon, wie man einen Krieg plant und wie man einen Krieg führt.

 

Das ist nicht erstaunlich. Die prächtige Uniform, die Stalin als Oberbefehlshaber der sowjetischen Armee zur Schau zu stellen pflegte, kann über eine Lücke in seiner Laufbahn nicht hinweg täuschen:  Stalin hatte nie als Soldat oder Offizier gedient. In seinem ganzen Leben war er, soweit wir wissen, lediglich eine Stunde an der Front gestanden. Er tat dies an einem ausgesuchten Frontabschnitt, an dem es ruhig war. Dort schaute er dem Geschehen schweigend zu und ging dann wieder zurück nach Moskau.

 

Doch auch wenn er keine Ahnung von militärischen Angelegenheiten hatte: Stalin hatte sich trotzdem seine Meinung darüber gebildet, was die sowjetische Armee in Finnland erwarten würde. Ihm war von da her klar, wie der Winterkrieg geführt werden sollte.

 

 

 

 

Stalin und seine  fixen Meinungen

 

 

Stalin liess sich von drei Annahmen leiten.

 

 

Erstens:

 

Stalin ging davon aus, dass die Bevölkerung in Finnland unter der herrschenden politischen Klasse litt. Deshalb rechnete er damit, dass die sowjetische Armee bei einem Einmarsch in Finnland freudig empfangen würde.

 

Es kommt nicht ganz von ungefähr, dass Stalin so dachte. Sein Weltbild war von der Idee des Klassenkampfes durchdrungen. Ein Krieg war für ihn von da her immer auch ein Klassenkampf: Kriege entstanden und wurden geführt, weil sich die unterdrückte Klasse gegen die herrschende Klasse erhob.

 

 

Zweitens:

 

Stalin war der Meinung, dass die finnische Armee nicht kämpfen würde. Er ging davon aus, dass die finnischen Soldaten und Offiziere schreiend davon rennen würden, sobald die ersten Artilleriegeschosse auf sie niedergingen. Das nahm er vermutlich einzig und allein deshalb an, weil er die Finnen verachtete.

 

 

Drittens:

 

Stalin war sich sicher, dass die sowjetische Armee die beste Armee der Welt war. Sie war riesengross und sie war optimal ausgerüstet. In Stalins Augen war sie schlicht unbesiegbar.

 

 

 

Alle diese Annahmen waren falsch:

 

Die Bevölkerung in Finnland erhob sich nicht gegen die finnischen Machthaber.

 

Die finnischen Soldaten und Offiziere reagierten zwar oft mit Panik, als die ersten sowjetischen Soldaten die finnische Grenze überschritten. Aber sie rannten nicht schreiend davon, sondern leisteten Widerstand: Ein sichtlich irritierter Stalin musste nach einigen wenigen Tagen feststellen, dass die sowjetische Armee mit ihren Angriffen nicht mehr weiter kam.

 

 

Und die sowjetische Armee  - die so grosse, mächtige und hervorragend ausgerüstete sowjetische Armee?

 

Spätestens Ende Dezember 1939 konnte auch Stalin nicht mehr darüber hinwegsehen: Die sowjetische Armee war eben gerade nicht gut ausgerüstet, wenn es darum ging, im Schnee und bei eisiger Kälte in den Wälden von Finnland zu kämpfen.

 

 

 

 

Stalin setzte sich durch

 

Stalin hatte sich von seinen Überzeugungen nicht abbringen lassen. Er setzte durch, dass man sich bei der Planung und der Durchführung des Krieges an diesen drei Annahmen orientierte.

 

Jene, die es besser wussten, konnten nichts  dagegen Stalin tun. Wenn sie Glück hatten, wurden sie ausgelacht, sobald sie Stalins widersprachen. Hatten sie nicht so viel Glück, wurden sie entmachtet, entfernt und allenfalls auch liquidiert.

 

 

Das macht deutlich, wer letztlich die Verantwortung für die Probleme im Winterkrieg trug: Das war Stalin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

 

Angaben zu  Stalin und seine Schwierigkeiten als Oberbefehlshaber der Armee: http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/355562#Zweiter_Weltkrieg

 

Die Aussage Chruschtschows wird zitiert in Anzulovic. Sie stützt sich auf Chruschtschows Erinnerungen ab.

 

Heftige Kritik an Stalins Militärführung ist auch in der Geheimrede von  Chruschtschow vor dem XX. Parteitag zu finden.

 

Text der Geheimrede von Chruschtschow am 20. Parteitag hier