wälder und POLARNACHT

 

 

 

Zwei Faktoren spielten im Winterkrieg eine wichtige Rolle: Die Kämpfe fanden weitgehend in Wäldern statt. Sie wurden zudem in der Dunkelheit geführt.

 

Für die sowjetischen und die finnischen Soldaten war es wichtig, sich an diese Bedingungen anzupassen. Dabei gelang die Anpassung unterschiedlich gut: Für die finnische Armee waren die Dunkelheit und die Wälder nützliche Hilfen; für die Soldaten der sowjetischen Armee waren die Wälder und die Dunkelheit Feinde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FREUND ODER FEIND?  DIE WÄLDER

 

 

 

für finnland waren die wälder freunde

 

 

Finnland besteht zu rund drei Vierteln aus Wald. Lennart Oesch, der finnische General mit Schweizer Wurzeln, sagte es denn auch sehr deutlich: Finnland ist Wald. Offenes Gelände und Dörfer sind in Finnland so etwas wie Inseln in einem Meer - in einem Meer, das sich aus Bäumen, Bäumen und nochmals Bäumen zusammensetzt.

 

Für die Leute in Finnland sind Wälder denn auch Teil ihres Lebens. Wie Oesch weiter sagte, sind die Finninnen und Finnen sozusagen im Wald geboren.

 

Für die finnische Armee im Winterkrieg waren die Wälder kein Problem. Im Gegenteil: Die Armee kam mit den Wäldern ganz gut zurecht und nützte sie geschickt aus.

 

 

 

Warum die finnische Armee im Winterkrieg mit den Wäldern gut zurecht kam

 

Das hat  mit Kaiser Wilhelm aus Deutschland zu tun. Dieser befand sich seinerzeit mit Russland im Krieg. Er hatte Interesse daran, dass sich Finnland militärisch aufrüsten und sich allenfalls ebenfalls gegen Russland wenden sollte.

 

Um sich aufzurüsten, schlichen sich um das Jahr 1915 herum einige junge finnische Männer heimlich über die Grenze nach Deutschland. Dort schlossen sie sich ebenso heimlich der deutschen Armee an und wurden militärisch geschult - was ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen war: Wären sie erwischt worden, hätte ihnen allenfalls eine Verurteilung wegen Landesverrat gedroht: Finnland gehörte damals noch zu Russland.

 

Die Männer wurden nicht erwischt. Sie kehrten, militärisch geschult, nach Finnland zurück und bildeten so etwas wie den Kern, aus dem sich dann später, als Finnland eigenständig geworden war, die finnische Armee entwickelte.

 

Die Männer stellten bald einmal fest, dass ihre Ausbildung in Deutschland einen Mangel aufwies. In Deutschland hatten sie in weiten, baumlosen Ebenen zu kämpfen gelernt. Mit Wäldern hatten sie nichts zu tun: Um die wenigen kleinen Wälder, die sie in Deutschland antrafen, machten sie einen grossen Bogen  - wenn es hoch kam, benutzten sie sie als Versteck, von dem aus sie den Feind beobachten konnten.

 

In Finnland machte es keinen Sinn, sich so zu verhalten. Es hat in Finnland überall Wälder, und so ist es ganz und gar unmöglich, ihnen auszuweichen. Was das militärische Vorgehen betrifft, muss man eine andere Strategie wählen: Man muss den Wald ausnutzen - man muss sich militärische Vorgehensweisen ausdenken, bei denen der Wald nicht ein Hindernis, sondern ein Verbündeter ist.

 

In den nächsten Jahren wurde diesem Grundsatz konsequent nachgelebt.

 

 

 

 

Wie man Wälder ausnützen kann: verstecken, überraschen, umgehen und umzingeln

 

 

Es gibt verschiedene Vorteile, die der Wald bietet, wenn man militärische Operationen ausführt.

 

 

Ein wichtiger Punkt ist die Verschleierung:

 

Wenn man es geschickt anstellt und die entsprechenden Uniformen trägt, kann man sich in den finnischen Wäldern bestens verstecken. Man muss sich über keine grosse Distanz entfernen, um im Wald unsichtbar zu werden  - vor allem dann nicht, wenn es dämmrig oder dunkel ist.

 

Das zeigte sich im Winterkrieg. Die weissgekleideten finnischen Soldaten waren in den schneebedeckten Wäldern so gut wie nicht auszumachen: Es gab sowjetische Soldaten, die denn auch nach dem Krieg über eine unheimliche Erfahrung berichteten: Sie wurden ständig von finnischen Soldaten beschossen und mussten miterleben, wie ihre Kameraden unter den Schüssen der finnischen Soldaten fielen - während des ganzen Winterkrieges sahen sie jedoch keinen einzigen finnischen Soldaten!

 

Dass man sich gut verschleiern kann, lässt sich weiter ausnützen. Ist man für den Feind nicht sichtbar, kann man diesen mit einem Angriff überraschen - was die sowjetischen Soldaten im Winterkrieg ebenfalls am eigenen Leib erfahren mussten: Die sowjetische Soldaten kauerten vor Kälte fast ohnmächtig im Schnee, und immer wieder tauchten aus dem Nichts finnische Soldaten auf, die sie angriffen: Die sowjetischen Soldaten waren nie sicher, ob nicht in den nächsten Minuten von irgendwo her Schüsse auf sie niedergehen würden.

 

 

Das Verschleiern offeriert einen weiteren Vorteil: Wenn man sich verstecken kann, kann man den Feind umgehen.  Man kann einen Angriff so gestalten, dass dieser von der Seite her kommt - was für die sowjetischen Soldaten ebenfalls belastend war: Es gab kein grosses finnisches Heer, das sich ihnen frontal entgegenstellte und dass sie in einer Entscheidungsschlacht hätten besiegen können. Die finnische Armee mit ihren Soldaten war überall und nirgends. Es gab Angriffe, die von vorne, von hinten und auch von der Seite her kamen: Das machte den Krieg unberechenbar und  unheimlich.

 

 

Kommt man von der Seite, führt dies zwangsläufig zu einem weitern Vorteil: Man kann  den Feind umzingeln und damit auch einkesseln.

 

Solche Einkesselungen waren eine Vorgehensweise, die die finnische Armee sehr gut beherrschte und immer wieder anwendete: Es ist eine Vorgehensweise, die die sowjetischen Soldaten fürchteten und die in der finnischen Sprache einen besonderen Namen trägt: Man spricht in diesem Zusammenhang von einem motti  - von einem finnischen Wort, das für Einkesselungen steht und das zu einem Markenzeichen der finnischen Armee im Winterkrieg geworden ist.

 

 

 

Wie durchquert man einen Wald?

 

Die finnische Armee war sich über einen weiteren Punkt im Klaren: Wer den Wald militärisch ausnutzen will, muss sich in ihm bewegen können. Nur so ist es möglich, sich vor dem Feind zu verstecken und ihn zu umzingeln und anzugreifen.

 

Wie aber bewegt man sich in einem Wald? Die naheliegendste Antwort darauf lautet, dass man sich entlang der Wege bewegen soll, die es im Wald gibt. Das kann man tun. Nur muss man sich darüber im Klaren sein, dass es erstens in finnischen Wäldern nur wenige Wege gibt. Und man muss auch bedenken, dass diese Wege in der Regel schmal sind.

 

Weil sie schmal sind, nützen grössere Fahrzeuge nichts. Sie sind zu breit, um sich auf den Wegen vorwärts bewegen zu können. Links und rechts stossen sie an Bäume. Diese Bäume kann man im schlimmsten Fall natürlich fällen, um einen Weg zu verbreitern. Genau dies tat zuweilen die sowjetische Armee. Doch die Erfolge, die sie damit erzielte, waren gering: Wer zuerst Bäume fällen muss, um seine Lastwagen und Tanks vorwärts bewegen zu können, kommt nicht weit.

 

 

 

 

DUNKELHEIT UND polarnacht: freund oder feind?

 

 

Der Winterkrieg wurde weitgehend in der Dunkelheit geführt. An einigen Orten herrschte Polarnacht. Wo sie herrscht, kam die Sonne überhaupt nie über den Horizont: Für einige wenige Stunden war es dämmrig, im Übrigen aber war es ständig Nacht.

 

 

Aber auch dort, wo die Sonne aufging, konnte man nicht mit viel Licht rechnen. Die Sonne schien für einige wenige Stunden - für 4 bis 6 Stunden vielleicht. Sonst aber war es ebenfalls Nacht.

 

 

Eine dermassen lange Dunkelheit bleibt nicht ohne Folgen. Sie wirkt sich auf die Menschen aus, die in ihr ausharren müssen, und sie wirkt sich auch auf das Kriegsgeschehen aus.