der weisse tod: die kälte

 

 

 

Im Sommer ist es in Finnland angenehm warm.

 

Im Winter aber ist es kalt  - kalt und auch dunkel: An vielen Orten geht die Sonne für lange Zeit nicht mehr auf.

 

Für die finnische Armee war von da her klar: Wer im Winter in Finnland kämpft, muss mit der Kälte zurechtkommen. Wer in Finnland einmarschiert, muss nicht nur gegen die finnische Armee kämpfen, sondern auch gegen die Kälte.

 

 

 

 

 

 

die finnischen soldaten waren auf die kälte vorbereitet

 

Manche der finnischen Soldaten arbeiteten vor dem Krieg auf Bauernhöfen. Während des Winters schlugen sie Holz. Dann hielten sie sich im Wald auf, waren die Kälte gewohnt und wussten auch, wie man sich bei extremen Minustemperaturen zu verhalten hat. Diese Soldaten musste man nicht lange darüber informieren, wie sie sich in der Kälte zu verhalten hatten.

 

Vorbereitet auf die Kälte waren die finnischen Soldaten auch aufgrund der militärischen Ausbildung: Es gehörte zur Ausbildung, dass die Rekruten auch während der Winterzeit Dienst leisteten. Sie erlebten die Kälte am eigenen Leib und lernten, wie man mit der Kälte umzugehen hat.

 

 

Die finnische Armee achtete zudem darauf, dass die Sodaten soweit als möglich in Zelten wohnen konnten. Die Soldaten hatten auch Zugang zu einer Sauna: Während des Winterkrieges wurden auf dem Feld Saunen errichtet, die die finnischen Soldaten regelmässig besuchten.

 

Diese Saunen wurden sehr geschätzt. Sie hoben die Moral der kämpfenden Soldaten, und trugen auch dazu bei, dass die Soldaten besser mit der Kälte zurecht kamen.

 

Bilder von Saunen im Winterkrieg finden Sie hier.

 

 

 

Um sich gegen die Folgen der Kälte zu wehren, braucht man nicht nur gute Kleider und Saunen, sondern auch genügend viel Nahrung. Dabei muss man bereits bei der Planung beachten, dass man wirklich genügend viel Nahrung bereit hält: Der Nahrungsbedarf steigt mitunter um 50%, wenn Soldaten in der Kälte kämpfen.

 

Die finnische Armee hatte ein Transportsystem entwickelt, das die Verpflegung zu den Soldaten brachte. Man setzte dazu Schlitten ein, die von Pferden oder von Rentieren gezogen wurden. Damit konnte die Verpflegung durch unwegsames Gelände transportiert werden und kam auch wirklich bei den Soldaten auf dem Feld an.

 

 

Das Transportsystem funktionierte nicht schlecht und gewährleistete, dass die Soldaten genügend Essen und Trinken erhielten.

 

 

 

 

Kälte: Wenn der Helm am Kopf anfriert

 

Der Soldat Tauno berichtet, dass es dort, wo sie sich befanden, ausserordentlich kalt war  - 41 Grad unter Null. Auch ihm ist es einmal passiert, dass ihm der Helm am Kopf anfror. Die Zelte waren zudem in einem schlechten Zustand  - wenn man in ihnen schlief, bestand, wie Tauno festhält, immer die Gefahr, dass man an der Kälte starb.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

sowjetische soldaten: auf die kälte schlecht vorbreitet

 

 

Die Kälte: katastrophale Auswirkungen für die sowjetischen Soldaten

 

 

Die sowjetischen Soldaten marschierten zum Teil von Murmansk her auf die finnische Grenze zu. Dies entspricht einer Strecke von rund 300 Kilometern. Man geht davon aus, dass auf dieser Strecke rund 10% der Soldaten bereits ausfielen  - grösstenteils deswegen, weil sie Opfer der Kälte wurden.

 

Während des Winterkrieges mussten - wie ein Wissenschafter berichtet -  über 100'000 sowjetische Soldaten in eine Krankenstation gebracht werden. Sie hatten Erfrierungen erlitten.

 

Wie der Autor Bair Irincheev berichtet, waren sich die sowjetischen Soldaten darüber im Klaren, dass ihre Armee mit der Kälte ein Problem hatte. Ein Soldat sprach davon, dass in Finnland zwei Kriege geführt wurden - einen Krieg, in welchem finnische Soldaten nach den Kämpfen zurück in ihre warmen Zelte gingen, und einen Krieg, den die sowjetischen Soldaten zu erdulden hatten: Sie mussten sich bei extremen Minustemperaturen draussen im Freien aufhalten.

 

 

Warum waren die sowjetischen Soldaten schlecht vorbereitet? Fehlender Wissenstransfer

 

Es gibt in der ehemaligen Sowjetunion Gegenden, in denen es im Winter extrem kalt wird. Die Leute, die dort leben, wissen, wie man mit der Kälte umzuhen muss. Von diesem Wissen hätten die sowjetischen Soldaten proftitieren können, und sicher hätte es sich damit vermeiden lassen, dass dermassen viele  Männer an Erfrierungen litten und an ihnen sogar starben.

 

Nur: Dieses Wissen gelangte nie zu den Soldaten und Offizieren.

 

 

 

Auch sonst happerte es mit dem Wissenstransfer.

 

Die Forschung in der Sowjetunion hatte sich damals intensiv mit der Kälte beschäftigt.

 

 

Sie  kam zu einer klaren Erkenntnis: Das beste Mittel im Kampf gegen Erfrierungen besteht darin, dass man Erfrierungen schon gar nicht erst aufkommen lässt. Man muss sie vermeiden.

 

Praktisch heisst das: Die Soldaten und Offiziere müssen wissen, was man tun kann, damit es nicht zu Erfrierungen kommt.

 

Die Soldaten und Offiziere wissen dies aber nur dann, wenn man sie darüber aufklärt: Man muss ihnen beibringen, wie man sich verhalten muss, damit keine Erfrierungen auftreten.

 

Die Erkennntnis der Forschung verhallte ungehört. Es kann keine Rede davon sein, dass die Soldaten systematisch darüber orientiert worden wären, wie eine effektive Erfrierungsrprophylaxe aussieht.

 

Auch hier fand kein Wissenstransfer statt.

 

 

 

Warum das Wissen nicht weitergelangte: Angst

 

Der Wissenstransfer war zur damaligen Zeit in der sowjetischen Armee eine problematische Angelegenheit. Kurz vor dem Winterkrieg hatte Stalin eine seiner sogenannte 'Säuberungen' durchgeführt. Sie bestand im Wesentlichen darin, dass  er tausende von Offizieren inhaftieren, an die Wand stellen und erschiessen liess: Der Paranoiker Stalin litt wieder einmal unter Angstzuständen und befürchtete, dass sich das Offizierskorps gegen ihn verschworen hätte.

 

Die Folgen waren verheerend. Sie bestanden voerst einmal darin, dass unerfahrene Offiziere befördert und die Positionen jener Kollegen einnehmen mussten, die erschossen worden waren. Dass diese unerfahrenen Offiziere im Winterkrieg Mühe hatten, ihre Soldaten zu führen, liegt auf der Hand.

 

Die Folgen bestanden aber auch darin, dass die Offiziere vorsichtig wurden. Selbst wenn sie um die Kälte in Finnland wussten und selbst wenn sie es gut gefunden hätten, die Soldaten entsprechend zu informieren, hätten sie geschwiegen: Das Schreckensjahr 1937, in welchem die Paranoia von Stalin einen Höhepunkt erreichte hatte, war in der Erinnerung der Offiziere noch sehr präsent. Das Jahr 1937 hatte die Offiziere gelehrt, dass man nie etwas aus eigener Initiative unternehmen durfte. Man hatte zu schweigen und die Verantwortung für alles, was man tat, anderen Personen zuzuschieben.

 

Das galt auch für die Erfrierungsprophylaxe: Sie aus eigener Initiative zu betreiben und damit auch die Verantwortung dafür zu übernehme, hätte leicht mit einem Gang vor ein Erschiessungskommando enden können.

 

 

 

Warum das Wissen nicht weitergegeben wurde: Man widerspricht Stalin nicht

 

Stalin war der festen Überzeugung, dass der Krieg gegen Finnland zu einem Spaziergang werden würde: Stalin soll denn auch geprahlt haben, dass  die finnischen Soldaten beim ersten Schuss der sowjetischen Armee davon rennen und sich ergeben würden.

 

Stalin war sich deshalb sicher, dass der Krieg zu Ende sein würde, bevor der Winter in Finnland richtig begonnen hatte. Damit war denn aber auch jede Erfrierungsprophylaxe hinfällig: Warum soll man sich auf einen Krieg in extremer Kälte vorbereiten, wenn es einen Krieg in extremer Kälte gar nicht geben wird?

 

Auch aus diesem Grund hätte sich kein Offizier getraut, mit seinen Soldaten über eine sinnvolle Erfrierungsprophylaxe zu sprechen. Denn das hätte bedeutet, dass dieser Offizier Stalins Überzeugung eines kurzen Krieges nicht teilte - und damit hätte er Stalin widersprochen.

 

 

Doch einem Stalin widersprach man im Jahre 1939 nicht. Auch das hätte für einen Offizier in einem Gulag oder mit einem Genickschuss in einem der verschwiegenen Hinrichtungskellern der Sowjetunion enden können.

 

 

 

die verhängnisvollen handbücher

 

Die sowjetischen Offiziere stützten sich auf zwei Handbücher ab, die aus den Jahren 1936 und 1938 stammten. Dies hatte sowohl auf den Umgang mit der Kälte als auch auf die Kriegsführung eine verheerende Auswirkung.

 

 

 

ein problem, das übersehen wurde: wege

 

 

Wer die Kälte überleben will, muss genug essen und trinken. Ein Soldat kann jedoch nur, denn essen und trinken, wenn er mit Essen und Trinken versorgt wird.

 

Das aber war für die sowjetische Armee alles andere als einfach. Es stellte sich ein Problem, das offensichtlich zu wenig bedacht worden war.

 

Zwar gab es durch die finnischen Wälder ein mehr oder weniger dichtes Wegnetz. Nur waren diese Wege ziemlich schmal. Sie waren oft zu schmal für die Lastwagen, die Panzer und die grossen Feldküchen, die diese Wege befahren sollten. Und sie waren definitiv zu schmal, wenn sich auf einem solchen Weg Panzer, Lastwagen oder anderes Gefährt kreuzen sollten.

 

Die Folgen kann man sich leicht ausmalen: Auf den finnischen Wegen entstand ein oft unvorstellbares Verkehrschaos. Lastwagen hatten eine Panne und kamen nicht mehr weiter         - und mit ihnen kamen auch alle anderen Lastwagen und Fahrzeuge, die hinter diesen defekte Lastwagen waren, keinen Meter mehr vorwärts. Und ganz besonders schlimm wurde es bei Gegenverkehr  - dann zum Beispiel, wenn Fahrzeuge und Lastwagen an die Front mussten und gleichzeitig Autos verwundete Soldaten von der Front wegzubringen hatten. Da kam es zu einormen Staus: Man sagt, dass es manchmal mehr als 12 Stunden ging, bis sich ein Stau aufgelöst hatte.

 

Auch Lastwagen, die Nahrung transportierten, kamen nicht mehr weiter. Darunter zu leiden hatten dann aber die Soldaten: Die Nahrung, die sie so bitter benötigt hätten, um mit der Kälte zurechtzukommen, kam nie bei ihnen an.

 

Weil diese Soldaten nicht genügend Nahrung zu sich nehmen konnte, hatten sie keine Energie mehr: Sie waren nicht mehr in der Lage, sich ausreichend zu bewegen. Doch wer sich in der Kälte nicht mehr genügend bewegt, ist ihr schutzlos ausgesetzt und erfriert.

 

 

 

Der Nahrungsmangel war oft so akut, dass die Soldaten zu Hilfsmassnahmen griffen:

 

Der Soldat Väinö Orpana berichtet denn auch in seinem Tagebuch vom Winterkrieg davon, dass die  offenbar verzweifelten - sowjetischen Soldaten Fische zu angeln versuchten, um zu Nahrung zu gelangen.

 

 

 

 

 

finnische soldaten: auf die kälte gut vorbereitet

 

 

 

 

 

propaganda mit dem weissen tod

 

 

 Man kann sich gut vorstellen, dass die Kälte und die Dunkelheit die Moral der sowjetischen Soldaten stark beeinträchtigten.

 

Tatsächlich muss die Lage für die sowjetischen Soldaten entsetzlich gewesen sein. Die sowjetischen Soldaten sassen praktisch schutzlos in der Kälte. Ihre Kleider waren für die tiefen Temperaturen nicht geeignet. Nicht immer erhielten sie genügend Nahrung, und ausserdem waren sie ständigen Angriffen finnischer Soldaten ausgesetzt: Diese tauchten aus dem Nichts auf, beschossen sowjetische Stellungen und verschwanden dann wieder irgendwo im Wald.

 

Dies drückte auf die Stimmung der sowjetischen Soldaten. Und ebenso auf die Stimmung drückte auch die Tatsache, dass sich die Soldaten betrogen fühlten: Man hatte ihnen weisgemacht, dass der Krieg in Finnland ein kurzer Spaziergang werden würde: Nach zwei Wochen sollte der Winterkrieg vorbei sein.

 

Die Soldaten merkten natürlich bald einmal, dass dies nicht stimmte. Das war kein Spaziergang, und davon, dass der Krieg nach zwei Wochen gewonnen sein würde, konnte keine Rede sein.

 

 

Kein Wunder, dass sich die sowjetischen Soldaten oft miserabel fühlten. Die finnische Armee nützte dies zu propagandistischen Zwecken aus. Sie verteilte Flugblätter, die vor der Kälte warnen.

 

 

Eines dieser Flugblätter zeigt das Bild eines erfrorenen Soldaten.

 

Es trägt die Überschrift 'Weisser Tod'.

 

 

Auf dem Flugblatt steht in russischer Sprache:

 

 

Ihr könnt nicht gegen diesen Feind kämpfen – gegen die Kälte.

Ihr sieht sie nicht, aber sie ist in Eurer Nähe.

 

 

 

 

wie kalt war es im winterkrieg?

Temperaturen unter minus 40 Grad

 

Wie kalt wurde es im Winterkrieg?

 

Zur Zeit des Winterkrieges war es ausnehmend kalt in Finnland. Es war der kälteste Winter seit Menschengedenken.

 

In den Tagebüchern der finnischen Soldaten findet man entsprechende Hinweise: Es gab Temperaturen, die um 40 Grad unter dem Nullpunkt lagen. Oft lagen sie auch darunter.

 

So berichten Soldaten von Temperaturen von  minus 45 Grad. Und ein Kriegsveteran aus dem Winterkrieg erzählt, dass es am 17. Januar 1940 noch kälter war: -49 Grad.

 

Aus den Tagebüchern geht zudem hervor, dass die Temperatur schnell sank: Innerhalb von zwei, drei Tagen erfolgte ein enormer Kälteeinbruch.

 

 

 

 

Temperaturen unter minus 50 Grad

 

Es gibt mindestens zwei Hinweise darauf, dass die Temperatur manchmal sogar unter 50 Grad fiel.

 

Der Veteran Onni Hämäläinen berichtet, dass im Fortsetzungskrieg die Temperatur bei 52 Grad unter Null lag. Die Männer wurden damals auf Lastwagen transportiert. Sie wurden daran gehindert einzuschlafen. Wären sie eingeschlafen, hätte dies ihren Tod bedeutet. Sie wären erfroren und nie mehr erwacht.

 

Interessant in diesem Zusammenhang ist der Hinweis eines Offiziers aus der Sowjetunion. Dieser fiel im Winterkrieg. Die finnische Armee fand bei ihm ein Tagebuch. Das Tagebuch wurde ins Finnische übersetzt und ist im Internet zugänglich.

 

Der Offizier berichtet in seinem Tagebuch, dass die Temperatur am 16. Januar 1940 bei 52 Grad unter Null lag.

 

Dass man solche extremen Temperaturen überleben kann, ist für uns fast nicht vorstellbar. Und dennoch mussten die sowjetischen und finnischen Soldaten damit zurechtkommen.

 

 

 

Kaukopartiot: Bei 40 Grad unter Null auf Patrouille

 

Den grössten Belastungen waren vermutlich jene Soldaten und Offiziere ausgesetzt, die an einer 'Kaukopartio' teilnahmen. Das Wort 'Kaukopartio' wird für jene militärischen Operationen gebraucht, bei denen sich finnische Offiziere und Soldaten hinter die feindlichen Linien begaben. Dort sollten sie Aufklärungsarbeit leisten und auch Angriffe gegen Einrichtungen der sowjetischen Armee führen.

 

Die Mitglieder solcher Fern-Patrouillen waren mehrere Tage unterwegs - zuweilen bei Temperaturen, die um die 40 Grad unter Null lagen.

 

Die Belastung durch die Kälte war enorm. Oft mussten die Soldaten und Offiziere vor sowjetischen Truppen fliehen, die ihnen auf den Fersen waren. Zeit, um ein Feuer zu entfachen und sich aufzuwärmen, blieb da häufig keine.